Samstag, 22. September 2018

Das bunte Schaf 2018

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Das Wollfestival in Düsseldorf hatte ich an mir vorüber ziehen lassen, weil mir die Menschenmassen einfach zu viel gewesen wären. Und auch zum bunten Schaf wäre ich nicht unbedingt freiwillig gegangen. Jedenfalls hätte ich mir keine gezielte Mitfahrgelegenheit organisiert.
Meiner lieben Freundin Frau Eule war das jedoch egal. Sie hat mich einfach in ihr Auto gepackt und  mit geschleift.


In der ersten Stunde wäre ich am liebsten auch gleich wieder geflüchtet. So viele Menschen. Und alle wollen sie unbedingt überall die ersten sein. (Und hinterher wird dann wieder gemeckert, dass es ja so voll gewesen wäre......)

Ich war echt dankbar dafür, dass ich mich zunächst bei Frau MeRo Color und Alice im Wunderladen hinter den Verkaufstisch stellen durfte und mir so die Menschenmassen etwas auf Abstand halten konnte.


So von hinten hat man immer einen ganz besonderen Blick auf die vielen schönen Garne, und entdeckt mitunter Schätze die man von vor dem Tisch gar nicht gesehen hätte.


Deshalb durften diese drei schönen Stränge Merino Tweet auch als erste in meine Tasche wandern.


Dann hat die gute Frau Eule dieses tolle Gartenbett ergattern können. Später von uns liebevoll "die lila Box" genannt. Dort haben wir es uns so richtig gemütlich gemacht, und ab da war dann auch für mich alles gut.


Mit Blick auf einen wundervollen Himmel, gleich hinter einem großen schönen Feigenbaum, haben wir gestrickt und geplauscht und die Welt um uns herum fast vergessen.
Zum ersten mal seit vielen vielen Wochen bin ich "runter gekommen" und war irgendwann so tiefenentspannt dass ich auf der Stelle hätte einschlafen können.


In Sicht und Hörweite unserer Lila Box hatte Frau Color loves Wool ihren Stand.
Es hat mich sehr gefreut ihre tollen Färbungen wieder einmal live sehen und fühlen zu können.


Weil auch Frau Color loves Wool die schöne Merino Tweet im Sortiment hatte, durften noch ein naturfarbener und ein schwarzer Strang in meine Tasche wandern.


Zusammen mit den schönen Färbungen von Frau MeRo Colors ist dieser tolle Gradient entstanden.
Keine Ahnung was daraus einmal werden wird, aber die Möglichkeiten sind schier grenzenlos. Zum einen liegen hier 2000 Meter Garn in fünf wundervollen Farben, zum anderen lassen sich diese fünf Stränge in unendlichen Kombinationen miteinander verarbeiten.


Wisst ihr was das tolle an solchen Wollmärkten ist?
Man fährt nicht nur zum Wolle shoppen hin. Man trifft sich dort mit Freunden, Bekannten, oder Mitstrickern. Dann sitzt man stundenlang zusammen und redet über das Hobby, über Garne und Färbungen, oder Gott und die Welt.


Was mich dieses mal allerdings wirklich geärgert hat ist, dass kaum noch ein Händler/Färberin stinknormale Sockenwolle im Sortiment hatte. Fast jeder hatte dagegen irgend eine Luxussockenwolle dabei. Natürlich in entsprechender Preiskategorie!
Die Qualität der Wolle mag den Preis sicherlich auch wert sein, nur stricke ich aus diesen Edelgarnen dann keine Socken mehr. Nun könnte man natürlich auch schöne Tücher aus diesen Garnen stricken, aber, ganz ehrlich, dann kaufe ich mir lieber gezielt eine gute und schöne Tuchwolle!

Frau Color loves Wool hatte zum Glück Sockenwolle dabei. Und auch noch die tolle Trekking Tweet, welche ich so gerne als Kontrastgarn in Bund Ferse und Spitze verstricke.


Ich wäre ja am liebsten gar nicht mehr von dem tollen Gartenbett aufgestanden.
Ehrlich, da war es so unglaublich kuschelig und gemütlich drin!
Als sich die Halle am späten Nachmittag aber langsam leerte habe ich doch noch einen kleinen Rundgang gemacht. Das Treibhaus ist einfach ein absolut schönes Ambiente für einen Wollmarkt.


Kennt ihr das, wenn bestimmte Garne auf einen warten?
Bei Frau MeRo Colors hatte ich bereits in der Frühe diesen schönen violetten Strang Sockenwolle in der Hand, wollte mir mein Budget aber noch auf sparen und hatte erst einmal die Merino Tweet gekauft. Kurz vor Schluss bin ich noch einmal bei Frau MeRo Colors vorbei gegangen, und der tolle violette Strang war noch da.
Als ich ihn heraus zog, wollte der türkise Strang Sockenwolle unbedingt auch mit. Denn er kam zur Hälfte mit hoch ohne dass ich danach gegriffen hätte. Zusammen sehen die beiden aber auch einfach nur wundervoll aus!


Ich mag es ja gerne bunt und vielfältig. Doch momentan scheinen Blau Lila und Türkis meine bevorzugten Farben zu sein. Nur der gelb angehauchte Strang Trekking Tweet tanzt etwas aus der Reihe.
Außerdem sehe ich hier einen starken Drang zur Harmonie. Wenn wundert es auch, bei dem was wir diesen Sommer wieder alles zu überstehen hatten. Dieser Wollschatz spiegelt sehr eindruchksvoll meine derzeitige Gemütslage wieder.


Auf der Heimfahrt überraschte mich meine Frau Eule dann noch mit dieser lecker gefüllten Lama Tasse. Ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl auf eventuelle künftige Aktivitäten.
Die gute Seele!
Bin einfach nur dankbar dafür, dass wir uns gefunden haben.





Sonntag, 16. September 2018

Stricken als Therapie

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Beim Lesen meines letzten Beitrags mag der ein oder andere sicherlich gedacht haben, dass sich zu Hause zu verkriechen nicht die beste Lösung für Probleme sein mag. Grundsätzlich stimme ich dem sogar zu.
Eigentlich ist es sogar eine astreine Verdrängungs Strategie. Doch sich fortwährend damit auseinander zu setzten, was des Gatten gesundheitlicher Zustand für uns alle bedeuten könnte macht auch nicht unbedingt glücklich. Und solange wie der Gatte noch in der Reha Klinik war, gab es zudem absolut gar nichts was ich hätte tun können. Außer versuchen ein wenig Kraft zu tanken, und zur Ruhe zu kommen. Ohne dabei endgültig in eine depresive Phase zu kommen.
Exzessives Stricken ist dabei sehr hilfreich, und außerdem noch produktiv!

Noch als der Gatte in der Uniklinik war ist dieses tolle Buch erschienen und auch umgehend bei mir eingezogen. Die Autorin, Julia Maria Hegenbart, ist schon etwas länger als Frau Feinmotorik bei Facebook, Instagram und in der Blogwelt unterwegs.
Ich durfte Sie bereits persönlich kennen lernen, und so war es selbstredend dass ich unbedingt dieses Buch haben musste! Eigentlich wollte ich wenn der Gatte in Reha ist eines der tollen Projekte des Buches mit diesen Bobbeln umgesetzt haben. Doch dann war der Sommer so unerträglich heiß, und ich hatte so viel anders um die Ohren, so dass ich wochenlang überhaupt nicht mehr gestrickt habe.


Als ich dann endlich einmal zur Ruhe gekommen bin, und der Sommer nicht mehr ganz so elendig heiß war, habe ich mich erst einmal daran gemacht den tollen Retro Rib Shawl von The Knitting Me beenden zu wollen.
In der der Facebookgruppe der die Drei vom Blog wurde dieses schöne Tuch im Mai als KAL gestrickt. Ich habe es aufgrund der Lebensumstände und Sorgen natürlich nicht geschafft es rechtzeitig zu beenden.


Nachdem das Wetter noch weiter ab gekühlt hatte und auch endlich wieder Sockenwolle ohne zu blockieren durch die Finger glitt, habe ich mir diese beiden handgefärbten Garne genommen und zu einem ersten Weihnachtsgeschenk kombiniert.
Ist das nicht irre schön geworden?


Durch die wilde Kombination dieser eigentlich sehr unterschiedlichen Garne bin ich auf eine weitere Idee gekommen.

Diese beiden Restknäulchen Sockenwolle, deren Socken einst an liebe Freunde gingen, wollte ich schon lange zu etwas für mich selbst verarbeiten. Im Herbst 2017 hatte ich begonnen die Knäulchen mit der Gum Gum Methode zu verstricken. Die Technik ist super simpel, aber der ständige Fadenwechsel ist mir irgendwie auf die Nerven gegangen. Und so endete das Projekt als Ufo.


Nun habe ich bis zum Bund zurück geribbelt, und jeweils mit nur einem Faden zwei Socken gleichzeitig neu begonnen.
Nach der Ferse habe ich dann die Farben gewechselt. Hier sieht es noch gar nicht so spektakulär aus, doch die fertigen Socken sind wirklich unglaublich schön geworden.


Ein weiteres Ufo war diese einzelne Patchwork Socke.
Geribbelt habe ich diese nicht, aber endlich zu Ende gebracht. Und außerdem noch den Partner dazu gestrickt.


Aus dieser Patchwork Socken Idee ist ein weiteres Socken Design entstanden. Dieses mal aus Opal Wolle, in welchem auch ein Abo Knäuel verstrickt wurde.


Das nächste Patchwork Design ist auch bereits in Planung. Ebenfalls mit einem Abo Knäuel.
Diese Socken sind einfach nur toll. Man kann sie problemlos an jede Fuß und Bein Form an passen. Sehen einfach nur großartig aus. Und gehen mir noch dazu super schnell über die Nadeln.


Aus einem weiteren Abo Knäuel von Opal entsteht gerade dieses Paar Weihnachtssocken.


Und ganz nebenbei ist bereits ein ganzer Schwung Mini Söcken für Schlüsselanhänger entstanden.


Aus Restknäueln von Opal Wolle habe ich begonnen Überzieher für meine Kräutertöpfe zu stricken.
Diese stecke ich nämlich immer in leere Weingummi Dosen, weil diese die perfekte Größe für die Töpfe haben. Lange Zeit hat mich die Optik der Dosen nie gestört. Bis neulich Besuch kam!
Das geht das auch in hübscher, dachte ich mir. Und habe so lange getüftelt bis ich die passende Größe gefunden hatte.


Nachdem ich mich den Sommer über von Menschen, und damit auch vom Wollfestival, fern gehalten habe; hat meine liebe Freundin Frau Eule mich ohne lange zu fackeln zu "das bunten Schaf" in Langenfeld geschleppt.
Dort habe ich mich furchtbar geärgert, weil kaum ein Anbieter noch normale Sockenwolle am Stand hatte. Fast alle hatten irgendwelche Luxus Sockenwolle dabei, mit entsprechenden Luxus Preisen.
Zwar mag die Wolle das Geld durchaus wert sein, nur bin ich nicht bereit aus Garnen ab 16€ bis hin zu über 20€ pro Strang SOCKEN zu stricken!


Ein paar Tage später schickte mir eine liebe Facebook Freundin, welche meinen Ärger  mit bekommen hat (und außerdem meine aktuellen Sorgen kennt) ein großes buntes Überraschungspaket.
Ich bin echt sprachlos über so viele Güte und Anteilnahme!


Solche Pakete zu bekommen, finde ich immer wieder spannend.
Es ist ein bißchen wie mit dem Opal Abo. Man bekommt mitunter Wolle die man sich selbst wohl nie gekauft hätte. Oder man hält Wolle von Färberinnen in der Hand, die man noch gar nicht kannte.  Doch es macht den Stash bunter und vielfältiger und verhilft der Kreativität zu Purzelbäumen und Luftsprüngen.
Einer dieser hübschen Stränge geht bestimmt in Form von schönen Socken zurück an die Freundin. Ich weiß nur noch nicht welcher.



Samstag, 8. September 2018

Wenn Sehnsucht schmerzt........

Es gibt Dinge, an die kann ich mich einfach nie gewöhnen!
Den Gatten zu einer OP in die Klinik bringen zum Beispiel. Und auch, den Gatten in die danach anstehende Reha zu schicken.

Drei mal haben wir dies nun seit der Erstdiagnose 2012 hinter uns gebracht.
Man bekommt zwar eine gewisse Übung, hat Erfahrung und weiß dann wie es so läuft. Doch der Schmerz den diese unfreiwilligen Trennungen verursachen ist jedes mal der gleiche.

Die ersten drei Wochen bekomme ich immer noch vergleichsweise schnell herum.
Ich suche mir Aufgaben, und versuche mich beschäftigt zu halten.
In der ersten Woche bin ich jedes mal froh den Gatten nicht mehr beaufsichtigen und begleiten zu müssen. Seine Erkrankung geht ja leider mit massiven Lähmungen einher, was für uns/mich echt anstrengend sein kann.
In der zweiten Woche war ich mit dem Fast-Teenager in Hamburg. Und wir hatten eine wirklich wundervolle Zeit dort. Nur das Hostel war leider ein Reinfall.
In der dritten Woche habe ich mich der Herausforderung gestellt, und bei über 35°C Hitze die Wohnung vom Freund des Teenagers renoviert damit dieser möglichst schnell dort ein ziehen konnte.
Wer keine Zeit zum Nachdenken hat, fühlt sich auch nicht so verdammt einsam.

In der vierten Woche setzt bei mir immer die Sehnsucht ein, und ich beginne selbst jene Dinge zu vermissen die mich sonst im Alltag eher Nerven kosten.
Die Kaffeeflecken in der Küche zum Beispiel. Oder das unvermeidliche Kabelwirrwarr neben des Gatten Sessel. Die stehen gelassene Kaffeetasse im Wohnzimmer. Das nächtliche Schnarchen. Dinge die unweigerlich zum Gatten gehören, und welche die Existenz eines  Partners überhaupt erst spür- und sichtbar werden lassen.
Und mitten in diese Sehnsucht, das sich einsam und verlassen fühlen, knallt dann noch die Nachricht dass die Reha um zwei Wochen verlängert wird. Außerdem wird so langsam klar, dass der Gatte jetzt bestenfalls dauerhaft eine Gehhilfe in Form eines Rollators benötigt.

Sechs lange Wochen Trennung für mich.
Komplette Sommerferien ohne Vater für die Jungs.
Zu dem seelischen Schmerz gesellen sich schnell die alt bekannten Sorgen.
Job? Wohnung? Zukunft?
Was wird nötig, damit der Gatte im Alltag möglichst selbständig zurecht kommt?
Und dann sind da noch diese wirklich unschönen Gedanken über Schicksal und dergleichen, mit denen man irgendwie fertig werden muss.

Der Gatte war vor der OP fit und gesund wie nie zuvor seit der Erstdiagnose.
Nun sind seine Lähmungen schlimmer und ausgeprägter als je zuvor!
Der Verstand weiß zwar, dass es ohne die letzte OP unweigerlich wieder zu einer drastischen Verschlechterung gekommen wäre. Und wenn man ganz knallhart ehrlich ist, waren die ersten Anzeichen dafür bereits seit Jahresbeginn zu beobachten. Wenn auch nur sehr langsam und sehr schleichend.
Aber das was das Bewusstsein sieht ist: Fit und Gesund in die OP hinein, und kaputt und gelähmt aus der Klinik heraus. Worte wie Kaputt operiert geistern durchs Oberstübchen. Was wirklich unfair gegenüber dem Arzt ist, weil dieser sein bestes gegeben hat und bis an seine Grenzen gegangen ist.

Die Frage nach dem Warum? und Wieso wir? ist plötzlich wieder im Bewusstsein. Und es zieht mich hinunter in die Dunkelheit.
Ich ertrage es kaum noch unter Menschen zu gehen. Das allgegenwärtige Gemecker, über das Wetter, den Staat, die Ausländer, ect. dessen man unweigerlich in Bus Bahn und Supermarkt Ohrenzeuge werden muss, sind einfach zu viel für mich. Ey, Leute, ihr seit gesund, könnt laufen und euch bewegen, also seit mal gefälligst ein bisschen dankbar für eurer geiles Leben!

Was mich dieses mal auch tierisch nervt ist der Eindruck, dass viele Leute scheinbar glauben eine medizinische Reha wäre so etwas wie Urlaub oder eine Kur.
Mitnichten ist es das. Der Gatte stand jeden Tag um 6 Uhr früh auf, Frühstück gab es um 7 Uhr. Spätestens gegen 8 Uhr starten die ersten Therapien, diese ziehen sich über den ganzen Tag bis manchmal in den Abend hinein. Physio, Reha Sport, Lauftrainig, Untersuchungen, Gesundheitsvorträge, ect. Jeden Tag! Sechs lange Wochen! Mit Erholung hat das nichts tun, sondern mit viel harter Arbeit um wieder auf die Beine zu kommen.
Ebenso wird oftmals übersehen, dass auch wir als daheim gebliebene Familie unser Scheffelchen zu tragen haben.
 So oft werden wir dafür bewundert, dass unsere Jungs so enorm Selbständig, Mitfühlend und grenzenlos Hilfsbereit sind. Dass sich diese Eigenschaften aber oft erst durch ein gewisses Schicksal und der Erfahrung von Leid und Schmerz entwickeln, ist den meisten Menschen leider nicht bewusst.

Wochenlang vergrabe mich mit meinem Strickzeug auf der Couch und ziehe mich von allem zurück was mit Menschen oder Kommunikation zu tun hat. My Home is my Castle. Ein bisschen Frieden und ganz viel Ruhe! Zum Glück gibt es Streaming Dienste wie Netflix und Co. um die endlos langen Tage zu überstehen. 
Selbst so großartige Ereignisse wie die Lichtinstalltion in der Kölner Innenstadt anlässlich der Gamescom, oder das Wollfestival in Düsseldorf lasse ich an mir vorüber ziehen. Zu viele Menschen! Kein Interesse.


Als der Gatte endlich heim kommt, wirkt er müde und abgekämpft auf mich.
Das Essen in der Klinik war nicht wirklich gut, und vernünftig schlafen konnte er dort auch nicht. In der ersten Nacht im eigenen Bett hat der Gatte sich eingekuschelt und 12 Stunden lang geschlafen! Ich habe in dieser Nacht immer wieder meine Hand zu ihm ausgestreckt, nur um zu spüren dass er wirklich wieder da ist.

Mit der Heimkehr des Gatten muss ich dann zwangsweise wieder unter Menschen. Der Gatte muss zum Arzt, und zur Physio und möchte gerne einfach wieder unter normale Menschen und in seine Stadt gehen können; ist aber leider noch nicht Alltagsfit und braucht Begleitung.
Den Gatten im Rollstuhl zu schieben war schon echt anstrengend. Neben dem vor sich hin schleichenden Gatten am Rollator zu gehen ist jedoch nicht weniger anstrengend. Ständig muss man sich zurück nehmen. Die ersten Tage hatte ich tatsächlich Muskelkater vom permanenten Abbremsen. Es ist wirklich unglaublich anstrengend nicht in sein eigenes individuelles Tempo kommen zu dürfen.
Und ständig muss man auf den Rollator acht geben. Mir wird bewusst dass wir nie wieder so als Paar zusammen werden laufen können wie  wir es früher getan haben. Außerdem ist es verdammt schmerzhaft zu sehen, wie der geliebte Mensch sich  ab müht um irgendwie voran zu kommen.




Wir ärgern uns eine wenig über die Hilfsmittelversorgung, bzw. den Kostenträgern.
In der Rehaklinik waren viele ältere Leute, die von der Krankenkasse mit leichten und modernen Rollatoren versorgt wurden. Der Gatte war jedoch auf Kosten auf der Rentenversicherung dort, und hat lediglich ein Standard Modell bekommen. Zu schwer, zu unhandlich, nicht zusammen klappbar. Ein richtiges Seniorenheim Modell! Und so klobig gestaltet, dass wir es nicht mal im Hausflur abstellen können!  Für ein anderes Gerät hätten wir eine dreistellige Summe zu zahlen müssen.

Der Gatte möchte jedoch unbedingt wieder arbeiten gehen. Und braucht dazu ein leichtes und flexibles Modell, mit dem er selbständig in den Öffis zurecht kommt, welches notfalls auch über eine Rolltreppe geht, und bitte so zusammen gelegt werden kann dass es in einen Kofferraum passt.
Via Ebay haben wir also einen leichten Rollator aus Aluminium gekauft. Für weit unter 100€ in übrigen!
Aus ähnlichen Motiven hatten wir bereits den Rollstuhl seinerzeit über Ebay selbst gekauft. Mein Gerechtigkeitssinn jedoch protestiert seitdem lauthals schreiend.
Zum einen ist es wirklich paradox, zum anderen ärgert es mich einfach maßlos das der Gatte als relativ junger Mensch nicht mit für ihn passenden Hilfsmitteln versorgt wird.
Alte Menschen, die nicht mehr arbeiten gehen, bekommen Gehhilfen die sie für den Alltag nicht unbedingt benötigen. (Es sei ihnen ehrlich gegönnt, die Modernen leichten Geräte sind wirklich toll!) Doch der Gatte, der gerne wieder arbeiten gehen würde, bekommt nur ein unhandliches und schweres Rentner Modell.


Und dann sind da noch die Horrorgeschichten über das Essen in der Klinik.
Frisches Obst oder Rohkost war irgendwie immer zu wenig vorhanden. Dafür gab es dann so nette Geschichten wie Currywurst mit Pommes zum Mittag. In einer Reha Klinik für neurologische und kardiologische Erkrankungen! Nudeln mit Pilzen in Soße, wobei die Pilze aus der Dose kamen und als Soße lediglich der Sud etwas angedickt wurde. Oder Kartoffeln mit Sahnehering, in einer Konsistenz und Stückgröße dass man den Hering regelrecht suchen musste. Absolutes Highlight: Bratwurst, minimal angegart und dann in den Dampfgarer gesteckt. Der Gatte hat sich wirklich oftmals geekelt, und auch so manches Essen stehen lassen.
Und mit solch einer Kost soll man gesund werden können? Dem Körper zur Heilung verhelfen und obendrein bei den täglichen Sport und Therapieeinheiten Höchstleistungen erbringen?
Erwähenswert ist auch dass eben jene Mitarbeiter die solch ein Essen zu verantworten haben die Vorträge über gesunde Ernährung ab halten. Ein Witz ist das das! Aber leider kein guter über den man lachen könnte.

Kurz vor seiner Heimkehr fragte ich den Gatten ob er Wünsche für die erste Wochen hätte.
"Egal was, Hauptsache wieder von Dir!"
Auch eine Art von Liebeserklärung.



Seit wir den passenden Rollator haben, versuchen wir den Gatten Alltagsfit zu bekommen.
Den Umgang mit so einem Ding über unebene Straßen, Bordsteinkanten, in den Öffis und anderen Alltagssituationen lernt man nur indem man sich dem aus setzt.
Wir versuchen derzeit mindestens jeden zweiten Tag zusammen irgendwo hin zu fahren. Und sei nur zum Einkaufen! Natürlich ist das anstrengend und ich  wäre viel schneller, wenn ich das alleine erledigen würde. Aber nur Übung macht den Meister, und er möchte  auch ohne Babysitter wieder hinaus können und unbedingt so schnell wie möglich auch wieder arbeiten gehen.



Am ersten Tag daheim hat der Gatte kaum die paar hundert Meter bis zum Hausarzt geschafft.
Inzwischen sind Bus, Straßenbahn, und S Bahn, kein Problem mehr. Selbst wenn die Haltestelle nicht total ebenerdig angelegt ist. Sogar Rolltreppen und Baustellenschotter stellen kein Hindernis mehr dar.
Der Gatte kommt alleine die Treppe hinunter, bekommt alleine die Haustüre auf und den Rollator hinaus, und außerdem unfallfrei über die Schwelle vom Hausstein auf die Straße hinunter. Er fährt alleine mit dem Bus zu seiner Physio, und ich sterbe derweil auch keine tausend Tode mehr vor Sorge.
Eine liebe Freundin meinte dazu: "Das ist der Unterschied bei euch. Ihr macht was!"

Zuweilen versuche ich uns am Abend für die Mühen des Tages zu belohnen.
Ein Highlight war zum Beispiel dieser selbst gemachter Flammkuchen und die Flasche Federweißer dazu.


Und neulich haben wir es sogar bis zum Ikea geschafft.
Dafür müssen wir mit den Öffis quer durch die Stadt und mehrmals umsteigen. Wir brauchen jetzt länger für diese Tour als früher, weil wir nicht mehr überall so Problemlos umsteigen können. Einige Haltestellen sind für den Gatten leider zum unüberwindbaren Hindernis geworden. Aber wir haben es geschafft. DER GATTE HAT ES GESCHAFFT! Ich bin nur nebenher gelaufen.


Eigentlich wollten wir nur Frühstücken gehen. Das haben wir ziemlich lange nicht mehr gemacht und immerhin braucht man ja ein Ziel vor Augen. Aber auf dem Weg Richtung Ausgang sind uns dann noch Gläser und schicke neue Bettwäsche in den Arm gesprungen. Ich verbuche das mal unter der Kategorie Belohnung und Motivation. Aber auch unter Augenblicke.

Samstag, 21. Juli 2018

Achterbahn der Gefühle

Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich es hasse den Gatten zur OP in die Klinik zu bringen?
Denn wenn aus vier bis sechs Stunden geplante OP Zeit nicht enden wollende neun werden, hat das Kopfkino jede Menge Zeit für Drama.Und wenn man dann noch - Abends um 22 Uhr - erfährt dass der Gatte die Nacht auf der Intensivstation verbringen wird, wird aus dem Drama ganz schnell eine gepflegte Panik!
Da hilft leider auch kein Stricken mehr.

Dass des Gatten OPs gerne mal etwas länger dauern, bin ich ja inzwischen schon gewohnt. Immerhin wird ja direkt am Rückenmark operiert, und das Risiko für eine sofortige Querschnittslähmung ist entsprechend hoch. Aber DAS hat mir dann doch die Schuhe ausgezogen!


Körperlich hat der Gatte die schwere und lange OP dieses mal echt erstaunlich gut weg gesteckt. Aber leider wollte das rechte (schon immer schwächere) Bein nach der OP zunächst keinen Mucks mehr von sich geben. Was uns echt ein paar schlaflosen Nächte bereitet hat.
Jedoch waren die Ärzte mit den postoperativen MRT Bildern mehr als zufrieden, weshalb man davon aus ging dass das Rückenmark wahrscheinlich nur ein bißchen beleidigt ist, und die Funktionen im Bein mit der Zeit wiederkehren müssten. Die Entscheidung für eine erneute Reha fiel deshalb recht früh.

Trotzdem war die Frustration zunächst groß.
Bei den zwei voran gegangenen OPs war der Gatte jeweils in einem Zustand, wo wir kaum noch etwas zu verlieren hatten, und haben mit den Operationen jedes mal ganz viel Körperfunktionen und  Lebensqualität zurück gewonnen. Dieses mal ist der Gatte fit und mobil wie nie zuvor gewesen, man möchte diesen Zustand möglichst erhalten bevor es wieder dramatisch wie wird, und dann kommt der Gatte halb gelähmt aus dem OP wieder heraus.
Diesen Schock muss man dann erst mal verarbeiten!


Um den Gatten ein wenig aus dem Klinikalltag zu befreien, und um zu verhindern dass ihm die Krankenhausdecke auf den Kopf fällt, haben wir ihn dann alle paar Tage in einen Rolli gesetzt und sind einfach vom Klinikgelände getürmt.
Ist ja nicht das erste mal dass der Gatte im Rollstuhl sitzt, und ich weiß damit auch im Straßenverkehr sicher um zu gehen. (Wer allerdings noch nie zuvor einen Rollstuhl geschoben hat, sollte das wirklich sein lassen. Denn sollte etwas passieren, und sei es nur dass man ein Auto an titscht, gibt es wirklich übelst Ärger mit den Versicherungen.)

Im Umfeld der Uniklinik gibt es das wunderbare Cafè Olè. Oder die tollen Futterhelden. Und so konnten wir die Sorgen für kurze Zeit mit kleinen schönen (und leckeren) Augenblicken beiseite drängen.


Mit purer Willenskraft - und ein bißchen sanfter Gewalt - hat es der Gatte dann nach fünf Tagen fertig gebracht den Fuß ein bis zwei Zentimeter vom Boden hoch zu bekommen. Er ist halt ein unglaublicher Kämpfer.
Ich bin vor Erleichterung erst einmal zusammen geklappt! Zum Glück war der Seelenstreichler an diesem Tag an meiner Seite, um mich auf zu fangen.

Nach weiteren vier Tagen war mit Hilfe der Klinik internen Physio dann auch die böse Treppe besiegt, und der Gatte durfte heim fahren.


Das Pendeln zur Uniklinik hat mich viel meiner (gerade erst wieder gefundenen) Kraft gekostet.
Ich benötige mindestens eine Stunde mit den Öffis, inklusive mehrmaligem Umsteigen. Wenn es schlecht läuft, auch schon mal anderthalb Stunden! Nur für eine Fahrt wohlgemerkt.
Um Zeit zu sparen habe ich auf den Wegen immer noch alles mögliche erledigt. Wenn ich dann beim Gatten angekommen bin, war ich oftmals schon völlig erledigt und hätte eigentlich eine Pause gebraucht.  Er jedoch scharrte bereits mit den Hufen, weil er einfach nur mit mir RAUS wollte!
Auf der Heimfahrt bin ich dann meistens noch irgendwo auf der Strecke einkaufen gewesen, und daheim lief der alltägliche Wahnsinn auch unvermindert weiter. Ich habe mich jeden Tag gefühlt als wäre ich einen Marathon gelaufen!

Mit der Heimkehr des Gatten ging dieser Marathon leider unvermindert weiter.
Arzttermine, Physiotherapie, oder einfach nur mal RAUS und unter Menschen.... nichts davon ging ohne Rollstuhl und Begleitung! Frühstück machen, Kaffee haben wollen, Duschen gehen..... nichts davon ging ohne Aufsicht oder Hilfe!
Das war sehr frustrierend für den Gatten. Er hasst es so extrem von Hilfe abhängig zu sein, und nichts selbst zu können. Und so war er  unleidlich und ungeduldig wie es ich nie zuvor an ihm erlebt habe.
Einmal habe ich ihm sogar angedroht, ihn mitten in der Stadt mit dem Rolli einfach stehen zu lassen! Dann kann er gucken wie er wieder heim kommt. (Ist fies, ich weiß, hat aber geholfen.)

Auch hier hieß das Gegenmittel Augenblicke schaffen.
Kurz durch atmen, Augen schließen, und einen Moment vergessen können.
Zum Beispiel in unserer Lieblingseisdiele oder bei gutem Essen beim Thailänder.
Und ganz (quälend) langsam, kamen die Funktionen im Bein wieder zurück, so dass der Gatte zuletzt nicht mehr ganz so viel fremde Hilfe brauchte.


Und dann war da noch das CSD Wochenende in Köln.
Schon bevor der Gatte wieder zu Hause war sagte ich, dass ich ihn im Rolli in nach Köln schieben würde wenn es nötig sein sollte. Und obwohl ich bereits sehr auf dem Zahnfleisch ging, und ich Menschen in Massen überdies nicht wirklich gut ertragen kann, habe ich den Gatten in den Rolli gesetzt und über das Straßenfest in der Altstadt geschoben. Bis hinunter zur Hauptbühne!

Es ist scheiße anstrengend einen Rollstuhl über Kopfsteinpflaster, noch dazu mit Gefälle, durch tausende Menschen zu navigieren. Jedoch haben wir unter den vielen LGBTIs eine Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft erlebt, wie nirgends sonst in den vergangenen Wochen. Immer wenn man uns bemerkte, öffnete sich eine Gasse für uns.
Warum bitte kann das nicht immer so sein?


Zur großen Demo, in Köln auch liebevoll Parade genannt, hatten wir Unterstüzung von vier lieben Freunden die den Gatten im Rolli nach allen Seiten ab schirmten.
Es war wirklich eng! Laut Veranstalter und Polizei hatten wir dieses Jahr den größten CSD aller Zeiten in Köln. Mit 1,2 Mio Zuschauern am Wegesrand und 170 teilnehmenden Wagen sowie Fußgruppen! Annähernd vier Stunden haben wir in der Innenstadt gestanden, bevor alle Teilnehmer an uns vorüber gezogen waren.


Es war aber nicht nur für den Gatten wichtig trotz aller Umständen zum CSD nach Köln zu können.
Unser queerer Teenager ist, wie bereits im letzten Jahr schon, wieder in der Fußgruppe des anyway mit gelaufen. Und natürlich stehen wir dann an der Seitenlinie und klatschen!

"Coming out in deinem Style" lautete das Motto in diesem Jahr in Köln.
Im Rahmen einiger Veranstaltungen rund um das Thema Coming Out haben der Teenager und ich an einer Diskussionsrunde teil genommen. Der Gatte und ich haben als Regenbogen Eltern kurze Statements abgegeben. Und der Teenager war sogar in einer Doku beim WDR zu sehen.
Aber das alles wird zu einem späteren Zeitpunkt eine eigene Bloggeschichte werden.


In den letzten Wochen gab es vieles was uns wirklich genervt hat.
Insbesondere eine gewisse Rücksichtslosigkeit in der Gesellschaft hat mir oftmals den Puls anschwellen lassen.
Es ist generell anstrengend und schwierig sich mit einem Rollstuhl durch öffentliche Straßen und Verkehrsmittel zu bewegen. Zugeparkte Gehwege und Rampen machen es nicht unbedingt leichter. Defekte Aufzüge oder Rolltreppen werden zum unüberwindbaren Hindernis. Ständig überlegt man wie man wo am besten hin kommt, welche Ausweichmöglichkeiten es gibt, und wo man barrierefrei um steigen kann. Gerade in Köln (einer Weltstadt!) ist dies inbesondere in der Innenstadt leider nicht überall möglich!
Zusätzlich "scannt" man ständig seine Umgebung. Da steht eine Bordsteinkante unglücklich hoch, dort ist es zu eng, hier stehen Poller im Weg, ect. Und überhaupt muss man tierisch auf passen dass man niemandem die Hacken ab fährt. Auch jenen Leuten nicht, die einem spontan vor den Rolli springen.
Und dann sind da noch die vielen (wirklich fitten gesunden und mobilen) Menschen, die in Bussen und Bahnen die Freiflächen für Rollstühle oder Kinderwagen blockieren obwohl sie überall hin könnten. Oder Leute, die sich am Rollstuhl vorbei zwängen, während wir versuchen ein oder aus zu steigen. Und jene Menschen, die sich von außen vor der Türe drängen und keinen Zentimeter Platz machen, aber laut werden wenn man sie z.B. am Ärmel streift.

Zwei Erlebnisse sind mir ganz besonders übel aufgestoßen in den letzten Wochen.

In unserer Stadt sind die Busse mit ausklappbaren Rampen ausgestattet und die Busse haben im Türbereich eine großzügige Freifläche. Eigentlich sind die Busfahrer verpflichtet diese Rampe zu bedienen, schon aus Versicherungsrechtlichen Gründen. Die meisten Fahrer jedoch bleiben stur auf ihrem Bock sitzen wenn eine Begleitperson dabei ist. Am hiesigen Busbahnhof haben wir außerdem erhöhte Bahnsteige, so dass man als geübter Rollifahrer eigentlich auch ohne Rampe in den Bus kommt, vorausgesetzt der Fahrer zieht dicht genug ran.
Wir wollen also in einen Bus ein steigen, aber der Fahrer hält gefühlt 50 m vom Bahnsteig entfernt. Ich klappe die Rampe aus, während der Gatte mit dem Rolli an der Seitenlinie wartet. Kaum berührt die Rampe die Boden, stehen da drei ältere Damen mit Rollator und wollen zuerst hinein!
Ich werde laut, und bitte darum ZUERST MEINEN MANN IM ROLLSTUHL in den Bus zu lassen. Weil wir nun einmal am meisten Platz brauchen, und außerdem einen großen Wendekreis haben. Und die alten Damen fangen prompt das Motzen an.
Echt, da könnte ich Kotzen!
Das sind genau jene Menschen die immer pauschal behaupten die Jugend (auch wir Erwachsene mit inzwischen 40 Jahren) würden weder Respekt noch Rücksicht kennen. Und selbst verhalten sie sich dann genau so, wie sie es allen anderen immer vor werfen.

Eine weitere Situation ereignete sich am Hauptbahnhof in Köln.
Der Bahnsteig war mäßig gefüllt. Menschen stehen in lockeren Gruppen zusammen, aber mit etwas gutem Willen kommt man mit dem Rolli gut durch.
Jetzt möchte man mit dem Rolli allerdings nicht irgendwo in die S-Bahn einsteigen, sondern bevorzugt am Ende oder Anfang des Waggons. Dort wo die Freiflächen für Fahrräder, Kinderwagen und Rollstühle sind. Also muss man zu bestimmten Punkten am Bahnsteig.
Eine Gruppe junger Frauen steht etwas ungünstig. Ich schwinge keine lange Reden um Durchlass zu erbitten, sondern schreie immer nur "Vorsicht Bitte!" in die Menge. Ist einfach am effektivsten.
Als ich mit dem Gatten im Rolli schon einige Schritte an der Gruppe vorbei bin, wird uns hinterher gebrüllt "Das geht aber auch freundlicher!"
Ehrlich jetzt? Ich schiebe meinen Mann im Rollstuhl, und muss mich an raunzen lassen wenn ich vorbei will? Geht´s eigentlich noch?



Sehr gelacht haben wir dagegen über folgenden nächtlichen Zwischenfall:
Der Gatte versucht sich - alleine und ohne Hilfe - an den Krücken hängend auf Toilette zu schleppen. An der Zimmertüre gerät er ins Stolpern und eine Krücke fällt scheppernd zu Boden.
In einer einzigen fließenden Bewegung schlage ich meine Decke zurück, springe aus dem Bett und bin nur eine Sekunde später dem Gatten an der Türe. Das ganze geht so schnell, dass mein Bewusstsein noch im Bett liegt, während ich bereits am anderen Ende des Raumes stehe.
"Für jemand mit deinem Gewicht bist Du ganz schön schnell und beweglich. Da kann sich manch ein schlanker Mensch ne Scheibe von ab schneiden" sagte er!
Da fühlt man sich die folgenden Tage dann schon mal ein klein wenig wie Super Woman.
Auf eine Wiederholung dieses Reaktionstest kann ich trotzdem gern verzichten.



Am letzten Tag bevor der Gatte zur Reha ist, hatten wir noch einiges zu erledigen und Termine.
Wir haben es damit verbunden ein letztes mal lecker was essen zu gehen. Außerdem sind wir noch kurz bei Väterchen Rhein vorbei gehuscht.
Man bekommt den Kölner zwar aus der Stadt hinaus, aber die Stadt nie aus dem Kölner raus!
Der Gatte ist ein glänzendes Beispiel dafür, und hat schon jedes mal Sehnsucht bevor der Koffer auch nur gepackt ist.

Überschattet wurde dieser Tag durch eine etwas seltsame Begebenheit bei einem Facharzt.
Mich ärgert es etwas, dass sich gegenüber einem (in diesem Fall sogar leidtragenden) Patienten sehr abfällig über den Kollegen von der Uniklinik geäußert wurde.
Das aktuelle Problem welches mit der OP korrigiert werden sollte, stellte sich bereits kurz nach der OP 2015 ein und wurde seitdem sehr genau beobachtet. Es ist also beileibe nichts akutes was neu aufgetreten wäre. Doch obwohl der Facharzt die MRT Bilder von vor der OP (auf der selbst ich als Laie das massive Problem erkenne) und den Bericht der Klinik mit entsprechnden Fachberiffen und den Auswirkungen dessen vor sich liegen hat, kommen dann Sätze wie "was nützen einem schöne MRT Bilder wenn der Patient dann nicht mehr laufen kann".
Ich empfinde es als absolutes Unding, solches vor dem Patienten zu äußern. Oder diesen Twist gar über den Patienten mit dem Kollegen aus zu tragen! Zumal aus der Diagnose heraus ab zu leiten ist, dass der Gatte in Kürze wieder eine schleichende Verschlechterung bis hin zur totalen Lähmung erlitten hätte. Von einem Facharzt erwarte ich echt etwas mehr Kompetenz und Diskretion!


Als der Gatte dann (endlich) zur Reha gefahren wurde, und ich versucht habe meinen Alltag mit den gewohnten Strukturen wieder her zu stellen, komme ich eines Mittags vom Einkaufen heim und finde ein Päckchen auf dem Tisch.
Eine liebe Blog- sowie Facebook- als auch Instagram-Freundin hat mir ein kleines Mut Mach Paket mit bereits gewickelter Wolle geschickt. Zum Sofort Los stricken! Und eine davon sieht sogar aus, als wenn sie ein kompliziertes Muster vertragen würde.
Ach Mensch, ich war so überwältigt, ich habe erst mal Heulen müssen.

Leider habe ich die letzten drei Wochen so gar keine Zeit zum stricken gefunden. Und daran wird sich auch weiterhin nicht viel ändern, denn ich werde mit dem Fast Teenager nach Hamburg zum Miniatur Wunderland fahren.



Schon im April hatte der Gatte diese Reise geplant. Und eigentlich wollte er selbst diese Reise mit dem Fast Teenager machen. Weil er selbst ein bißchen Spaß dran hat und mit seinem Behinderten Ausweis außerdem einige Vergünstigungen bekommen hätte.
Damals ahnten wir leider noch nicht, was diesen Sommer auf uns zu kommen sollte. Und bis zuletzt haben wir gehofft, dass der Gatte die Reise doch würde an treten können.

Nunja, wir haben dann recht spontan alles auf mich umgebucht, und nun werde ich mit dem Fast-Teenager nach Hamburg fahren. Mit dem PTC im Kopf eine echte Herausforderung für mich, und leider auch jenseits von Entspannung und Erholung. Fremde Umgebung, viele ungewohnte Reize, und außerdem soll es auch noch richtig heiß werden!
Außerdem habe ich ein bißchen Sorge, ob ich es schaffen werde mich wie gewohnt zu ernähren, damit weder Kopf noch Darm aus ticken. Aber alles zu stornieren und auf irgendwann zu verschieben, wollte ich dem Fast Teenager auch nicht an tun. Die Jungs haben durch die Erkrankung des Gatten schon genug zu leiden.