Montag, 15. Juli 2019

Queere Umarmungen

In der Schule des Teenagers werden jedes Jahr mehr oder weniger freie Projekttage organisiert. Vorgegeben wird dabei nur ein Oberbegriff, und die Schüler können innerhalb dieses Themas völlig frei kleine Gruppen bilden und sich auf ein Projekt spezialisieren welches in den Oberbegriff hinein passt.

In der Jahrgangsstufe des Teenagers lautete der Oberbegriff "Genuss und Identität". Identität schreit natürlich regelrecht nach irgendeinem LGBTI Projekt, und so entstand schon recht frühzeitig die Idee irgendwas tolles zusammen mit dem Regenbogen Club umsetzen zu wollen.
Leider war das nicht ganz so einfach wie gedacht. Aber der Teenager wäre ja nicht der Teenager, wenn er nicht so lange am Thema dran bleiben würde bis alle Hindernisse beiseite geräumt wären.

Basierend auf der Idee des ⇨ sozialen Experiments wollte der Teenager mit seiner Truppe in der Kölner Innenstadt ein Anti Diskriminierung Video drehen. Dafür wollte der Teenager mit seiner Truppe mit Schildern um den Hals, die eine Aussage über eine Sexualität treffen, um eine Umarmung bitten.
Die Schulleitung war zunächst wenig begeistert. In seinem Regenbogen Club sind Schüler aus fast allen Jahrgangsklassen vertreten und ein Klassen- sowie Jahrgangs- übergreifendes Projekt hatte es bisher an der Schule noch nicht gegeben. Auch vereinzelte Lehrer hatten Einwände und waren zunächst nicht bereit ihre Schüler für das Projekt frei zu stellen.
Der Teenager hat daraufhin ein komplettes Konzept entwickelt, zu Papier gebracht und der Schulleitung sowie den einzelnen Lehrern vor gelegt. Außerdem hat er sich an die Schülervertretung gewandt und um Unterstützung gebeten. Schließlich gab es eigentlich keinen Grund mehr, das Projekt nicht zu genehmigen.
Als nächstes musste die Frage um das passende Equipment geklärt werden. In der Schule selbst waren zwar Kameras und Bildbearbeitungssoftware vorhanden, aber leider nicht in der Qualität wie der Teenager es für sein Projekt gebraucht hätte. Da der Teenager sich im Team von ⇨ Anyway TV engagiert, bekam er das passende Equipment dann von dort gestellt. Außerdem durfte der Teenager die Räumlichkeiten, und den Computer mit der passenden Software des ⇨ Anyway nutzen um das Video zu schneiden und zu bearbeiten.
Letztlich musste nur noch die Frage der Aufsichtspflicht geklärt werden. Obwohl ich bereits sehr frühzeitig signalisiert hatte die Aufsicht übernehmen zu wollen und zu können, reichte dies einzelnen Lehrern nicht aus. Nur wenige Tage vor Projektstart wollte man dann unbedingt eine Aufsichtsperson mit pädagogischer Qualifikation haben. Dies war ehrlich gesagt der Punkt an dem sowohl der Teenager als auch ich den Eindruck hatten, dass einzelne Lehrer nach einer letzten Möglichkeit suchten das Projekt zum scheitern zu bringen! Doch auch hier fand der Teenager Unterstützung durch das Anyway, und es hat sich kurzfristig jemand mit der passenden Qualifikation extra für das Projekt ein paar Tage frei geschaufelt.

So konnte das Projekt endlich starten, und wir standen eines schönen Juni Tages in der Kölner Innenstadt zum Video Dreh. Obwohl ich keine Aufsicht mehr führen musste/durfte habe ich das Projekt trotzdem begleitet und unterstützt, sowie aus dem Hintergrund heraus für ein paar nette Fotos gesorgt. Es sollte ein grandioser Erfolg werden!


Der Teenager war schon immer ein Teamplayer. Und er hatte schon immer ein Talent dafür die Führungsrolle in einer Gruppe zu übernehmen. Schon in der Grundschule wurde dies das erste mal deutlich sichtbar.
Seine Aufgabe als Projektleiter hat der Teenager nun nahezu vorbildlich ausgefüllt. Aufgaben wurden delegiert, Equipment und Durchführung wurde den Jugendlichen durch ihn ausführlich erklärt, er hat seine Truppe beisammen gehalten, sich selbst aber dezent im Hintergrund gehalten.


Aber natürlich hat er es sich nicht nehmen lassen zumindest in einer kurzen Sequenz auch selbst in dem Video mit zu wirken.


Zeitgleich zum Video Dreh ist diese junge Dame hier los gezogen um Passanten zum Thema Homophobie zu interviewen. Dabei wurden gezielt Menschen angesprochen, die entweder die Jugendlichen umarmt hatten, oder eben gezielt daran vorbei gelaufen waren.


Am nächsten Tag hat sich die Truppe in den Räumlichkeiten des Anyway getroffen um das Video zu schneiden und zu vertonen. Außerdem wollten die Jugendlichen noch ein paar Info Plakate erstellen.


Hier bekommen die Mädels einen Crash Kurs in Sachen Video schneiden vom Teenager. Geschnitten haben die Mädels das Video dann größtenteils selbst.


Als der Schnitt abgeschlossen war, wurde das Video noch mit lizenzfreier Musik und den Mitschnitten aus den Interviews vertont.


Nach nur drei Tagen Arbeit wurde das Projekt dann in der Schule präsentiert.
Passend zum Anlass trägt der Teenager sein neues Statement Shirt, welches natürlich auch eine kleine Provokation dar stellt.


Schon an der Türe hingen die ersten Fotografien von mir.


Der Raum selbst war völlig abgedunkelt und wurde nur durch das Video erhellt.
Das Video wurde mittels Beamer, und unter Einsatz des privaten Laptop des Teenagers, übergroß auf die komplette Wand projiziert und lief in Endlos Schleife. Dies hat eine sehr spezielle Stimmung erzeugt, und das Video hat vom ersten Moment an sehr fasziniert und gefesselt.


Die Musik und auch die Interviewsequenzen waren sehr passend ausgewählt und zusammen gestellt. Viele Interviews waren sehr positiv, und enthielten Aussagen darüber dass Homophobie größtenteils wohl einfach durch Dummheit oder Unaufgeklärtheit entsteht. Und dass LGBTI ebenso in erster Linie Menschen sind wie alle anderen auch.
Sehr überrascht waren wir, dass auch die Stimme unserer ehemaligen Dombaumeisterin Barbara Schock Werner zu hören war, die ein sehr ausführliches Statement darüber abgegeben hat dass vielen Menschen gar nicht bewusst ist mit wie vielen LGBTI sie es im Alltag zu tun haben, weil diese im Normalfall eben kaum auffallen, viele Heteros leider nur das völlig verzerrte Bild im Kopf haben welches die Medien z.B. mit den Bildern von den wenigen schrillen Persönlichkeiten von CSDs zeichnen. (Eine Meinung mit der ich im übrigen völlig konform gehe, und dazu auch im nächsten Bericht zum CSD 2019 noch Bezug nehmen werde.)
Darüber hinaus waren aber auch negative Interviews zu hören, wie z.B. die Stimme die erklärte er "wäre Moslem und schwul sein wäre Haram" also unsauber, unheilig. Speziell diese Sequenz hat auch bei der Präsentation die meisten und heftigsten Reaktionen ausgelöst.


Das Video war sehr ergreifend und hat vom ersten Moment an sehr fasziniert.
Ich konnte immer wieder sehen wie Schüler und auch Erwachsene in der Türe standen um eine kurzen Blick hinein zu werfen, dann aber so fasziniert waren dass stehen blieben. Der Teenager ist immerzu ganz konsequent hin gegangen, und hat alle Leute eingeladen doch bitte Platz nehmen. Es wären genügend Stühle vorhanden. Kaum einer hat dieses Angebot nicht wahr genommen.
Der Raum war durchweg immer sehr gut besucht. Gefühlt hat sich die ganze Schule das Video angesehen, und die meisten Besucher sind lange genug geblieben um es sich mehrmals anzusehen. Das Video war außerdem so fesselnd dass es sehr ruhig im Raum war. Natürlich gab es auch den ein oder anderen (vorwiegend männlichen) "Spaßvogel" der irgendeinen Spruch klopfen musste, aber das hat sich erstaunlicherweise in Grenzen gehalten.


Leider kann ich das Video hier nicht offiziell zeigen oder verlinken.
Aber jeder der sich die Mühe macht mir unter der im Impressum hinterlegen E-Mail Adresse eine Mail zu schreiben, bekommt von mir eine Antwort und die Möglichkeit sich das Video an zu sehen. Habt aber bitte Verständnis dafür dass ich nicht rund um die Uhr online bin, bzw. sein kann, und meine Antwort daher schon mal etwas Zeit in Anspruch nimmt. Danke.

Im hinteren Teil des Raumes wurden außerdem noch ein paar Info Plakate und weitere Fotografien von mir präsentiert. Auf den Plakaten wurde unter anderem über unterschiedlichste  Sexualitäten informiert.


Hier erklärt der Teenager seiner Stufenleiterin sein Projekt, und führt ein sehr angeregtes Gespräch mit ihr. Man kann förmlich sehen wie beeindruckt sie vom Teenager ist.


Das Video hat in der Schule hohe Wellen geschlagen und sehr viel bewegen können. In der Woche nach der Präsentation waren der Teenager, das Video und natürlich der Regenbogen Club das Gesprächsthema Nummer eins. Und das durch alle Jahrgangsstufen hindurch. Wahrscheinlich gibt es nun keinen einzigen Schüler und Lehrer mehr, der nicht weiß wer der Teenager ist.

Viele Schüler waren zum ersten mal in ihrem Leben mit dem Begriff Pansexualität konfrontiert und haben entsprechende Fragen gestellt. Der Teenager hat sich fast schon den Mund fusselig geredet um den Begriff immer und immer wieder zu erklären.

Ich selbst habe bereits bei der Präsentation gesagt, dass wenn all diese Schüler nach dem Video auch nur für 5 Minuten über Homosexualität, Transgeschlechtlichkeit oder sogar Pansexualität nach denken, hat der Teenager schon unglaublich viel erreichen können. Denn im Schulunterricht, insbesondere in der Sexualkunde, sind diese Themen immer noch hoffnungslos unterrepräsentiert.

Die Lehrer waren gleichermaßen daüber erstaunt wie beeindruckt, welch eine hohe Qualität das Video und die Präsentation hatten. Der größte Erfolg den dieses Video jedoch erreicht hat ist wohl, dass der Teenager seitdem gebeten wird in den unteren Jahrgangsstufen im Sexualkundeunterricht über sexuelle Vielfalt zu berichten.


Aber auch die Jugendlichen des Regenbogen Club haben von dem Projekt unglaublich profitieren können. Sich anders zu fühlen, aber doch von so vielen fremden Menschen eine Umarmung zu bekommen, ist einfach eine wundervolle Erfahrung für so junge Menschen. Ein solches Projekt erfolgreich zu beenden und von der ganzen Schule dafür beachtet zu werden, wirkt sich außerdem sehr positiv aufs Selbstwertgefühl aus.  Schon bei der Präsentation hatte ich den Eindruck es nun mit ganz anderen Persönlichkeiten zu tun zu haben. Und auch der Teenager berichtete mir dass sich die Stimmung und der Zusammenhalt im Regenbogen Club seit dem Video sehr positiv verändert hat.

Ich bin mal wieder unglaublich Stolz auf mein Kind!





Mein besonderer Dank geht an dieser Stelle aber auch an die Schulleitung und an alle Lehrer die den Mut hatten das Thema LGBTI zu zu lassen und unterstützt haben.
Außerdem danke ich ganz herzlich dem Anyway Köln, und hier insbesondere Falk Steinborn, Peter Ullmer sowie Alexandra Friese, dafür dass sie meinen Teenager so sehr in seinem Projekt unterstützt haben. Ohne euch wäre das Projekt nicht umsetzbar gewesen.



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